© Emil ÈIÆ


Emil Èiæ, 
Der kroatische Journalist, Musikwissenschaftler, Philosoph der Geschichte,
Musiker und Publizist
Das einzige Interview mit dem
Benediktinerpater M. Kirigin




2.1.  DIE LITURGISCHE ERNEUERUNG UND P. MARTIN KIRIGIN


Ein Kommentar und Interview von Emil Èiæ:

 

2.1.1. Der Ursprung der Liturgischen  Bewegung

 

 

 

            Die liturgische Erneuerung entstand unter dem Einfluß von Papst Pius X. (1835 -1914) als weitreichende katholische Erneuerungsreaktion auf sein Motu proprium sulla Musica sacra (Tra le sollecitudini), das der Papst am 22.11. 1903 bekanntgab. In diesem Jahr war Pius X. eben Papst geworden, und der Satz "Omnia instaurare  in Christo" (Alles in Christo zu erneuern) wurde zu seinem Wahlspruch.  Durch seine erste wichtige Enzyklika beabsichtigte und begann er Europa und die Welt in Christo zu erneuern, wobei die kirchenmusikalische Erneuerung zu einem der wichtigsten Ausgangspunkte seiner Tätigkeit wurde.  Die zweite  fruchtbringende Tätigkeit  dieses Papstes  war die nach seinem Tode gegründete Katholische Aktion und die französische jugendliche Kreuzerbewegung, in deren Rahmen die Liturgische Bewegung bei den Kroaten  ihren Segen fand, und die während des Pontifikats von Papst Pius XI. innerhalb der Katholischen Aktion weiter wirkte. Die nach dem Tode von  Pius X.  1915 in Frankreich entstandene Kreuzerbewegung wirkte eigentlich  nach den Richtlinien dieses Papstes, die er vor seinem Tod in den Jahren zwischen 1911 und 1914 erstellt hatte. [1] Durch Frankreich und ihre Kreuzer begann der kirchliche Widerstand gegen die libertinische Säkularisation, die  eben in Frankreich (durch verschiedene Revolutionen) zu wirken begann, was  auf die katholisch-christliche Moral sowie Kunst negative Auswirkungen hatte. Die Liturgische Bewegung, die das intensive sakramentale Leben bzw. die tätige Teilnahme aller Gläubigen durch die Liturgie, die Sakramente und die Kirchenmusik  propagierte,  begann  also mit ihrer Tätigkeit  aufgrund einer kirchenmusikalischen Enzyklika (=Tätige Mitwirkung aller Gläubigen)! [2]

            Die Aufforderung der Beteiligung aller Gläubigen am Kirchengesang, die in dem Dokument über den Choralgesang und Kirchenmusik enthalten war, sowie das päpstliche Breve über die Notwendigkeit des täglichen Communio von 1905, [3] brachten die neue Liturgische Bewegung  zur Auslösung. Besonders nach dem "Mechelner Ereignis" (Katholikentag in Belgien) vom 23. September 1909,  als der Teilnehmer Lambert Baudouin in seinem Vortrag äußerte, daß man die Liturgie demokratisieren müsse. [4] Dadurch wurde eine kirchenmusikalische Enzyklika zum wichtigsten kirchlichen Anstoß, der schließlich das 2. Vatikanum antizipierte und vorbereitete. Auf diese Weise kam es eigentlich zur Verflechtung, ja sogar zur Einigkeit der Musik und der Theologie, was die zukünftigen Ereignisse beeinflußt  hat.

            In Kroatien war der Hauptträger der Liturgischen Bewegung Dr. Ivan Merz (1896-1928) geworden, der den Päpstlichen Enzykliken am treuesten Folge leistete. [5] Laut  katholischer Kirchenlehre ist der Papst die maßgebliche Autorität für alles, was die Kirche betrifft, einschließlich die Musik, und im Einklang mit den päpstlichen Verordnungen (von Pius X. und Pius XI.) befürwortete Merz sein Leben lang den Vorrang des Choralgesangs in der Kirche. 

 *****

2.1.2. Liturgische Erneuerung  und Musica sacra in Kroatien

Pater Martin und seine Benediktiner, Insel Pašman, Tkon - Æokovac 23. 02. 1997, Æokovac, Foto: Emil Èiæ

            Der Benediktinerpater Dr. Martin Kirigin (1908–2001) war der älteste lebende Vorkämpfer der liturgischen Bewegung in Kroatien. Während seines langen und früchtereichen Lebens lernte P. Kirigin viele wichtige Personen kennen, unter denen sich auch ein Märtyrer - Kardinal Alojzije Stepinac (1898-1960) befand, der die liturgische Bewegung Kroatiens unterstützte. In der Zeitschrift "Vjesnik biskupije ðakovaèke" ("Der Bote" des Bistums Ðakovo), Jahrgang 1986/12, S. 222, wurde Kirigin als Initiator des I. und II. Liturgischen Kongresses in den Jahren 1936 und 1986 bezeichnet. (So der Komponist Stanislav Preprek). Dazu war Kirigin auch einer der noch seltenen lebenden Mitglieder der Kreuzerbewegung, die Ivan Merz (1896-1928) in den zwanziger Jahren gründete: Als Liturgiker veröffentlichte Dr. Kirigin viele Werke, und sein letzter großer Beitrag zu den liturgischen Fragen ist das Buch (Kommentar) "Konstitucija o sv. liturgiji" (Die Konstitution über die Hl. Liturgie), Zagreb 1985, die von den Jesuiten gedruckt wurde. Das Kapitel über die Musik in der Liturgie hat P. Kirigin in unserem Gespräch (im J. 1997), über die liturgische Musik in Kroatien, noch ausführlich ergänzt.

 

-         Wann wurden Sie zum Priester geweiht, und warum haben Sie gerade den Benediktinerorden gewählt?

 

Kirigin: Ich wurde im Dorf Mirsa, auf der Insel Braè 1908 geboren, wo es ein sehr blühendes liturgisches Leben mit lateinischem und glagolitischem Choralgesang gab. Wir hatten einen hervorragenden Pfarrer und guten Sänger, Don Mate Hraste. Mein Ministrieren sowie die Pflege freundschaftlicher  Beziehungen zu ihm regten meine Entscheidung an, Priester zu werden. Das erste Gymnasiumsjahr habe ich privat in Braè, das zweite in Split absolviert. In Split wohnten wir Schüler im Internat, das den Benediktinern gehörte, und damals gelangte das Priesterkonvikt in Split auch in den Besitz des dortigen Klosters des Hl. Stephan. Es ist auch sehr bedeutend, daß dieser  Kloster Besitze auf der Insel Braè hatte, und zwar gerade in meinem Dorf. Und so empfand ich mich, ohne es zu wissen, ganz unbewußt mit den Benediktinern eng verbunden. Im Konvikt erzählte uns Prof. Juraj Lušiæ viel über die Benediktiner. Als Fachmann für  Geschichte und Geographie hob er den Benediktinerorden und sein Wirken in der Geschichte hervor sowie ihre Verbreitung über ganz Europa. Und so sang ich, als ich Priester geworden war, mit den Kanonikern jeden Tag die Choralmesse und das Brevier. Die Beziehung zum Bischof von Hvar, Miho Pušiæ, hat mir besonders geholfen, da er mir gestattete, mich dem Benediktinerorden anzuschließen. Anderswohin hätte er mich nicht gehen lassen, aber dorthin ließ er mich gehen.

 

            - Wodurch ist Ihnen Bischof Pušiæ in guter Erinnerung   geblieben?

 

Kirigin: Für mich ist er vor allem deswegen unvergeßlich, weil er mich zum Theologiestudium nicht nach Split, sondern nach Ljubljana schickte. Dort habe ich erfahren, wie wertvoll die deutsche Sprache ist, weil sie mir ermöglichte, dem berühmten und vielleicht größten Initiator der liturgischen Erneuerung - Pius Parsch- zu folgen. Ich hatte nämlich das Glück, ihn später besuchen zu können und seine kleine Zeitung "Lebe mit der Kirche" kennenzulernen, die ich danach an der Theologischen Fakultät in Ljubljana weiter verbreitete. Später, als ich als Priester auf der Insel Hvar tätig war, begann ich unter dem Patronat und mit großer Unterstützung von Bischof Pušiæ, die Wochenzeitung "Život s Crkvom" (Das Leben mit der Kirche) herauszugeben. Dies war 1934. Die Redaktion der Zeitung führte ich drei Jahre lang.       

 

            - Sie haben von Anfang an auf allen Versammlungen der liturgischen Bewegung teilgenommen. Sie haben auch persönlich die Liturgiker Jure Radiæ, Dragutin Kniewald, Kardinal Franjo Šeper und viele andere gekannt. Was wollten diese Leute eigentlich? Welche Vorstellungen hatten diese Menschen von der liturgischen Erneuerung?

 

Kirigin: Die liturgische Erneuerung  in Kroatien begann in Zagreb parallel mit dem Leben und Wirken des Gottesdieners Ivan Merz (gest. 1928) und seines Freundes Dragutin Kniewald (gest. 1979). Für die Liturgie und den gregorianischen Choral begeisterte sich Merz während seines Studiums in Paris. Als er nach Kroatien zurück kam, begann er gleich im liturgischen Sinne zu schreiben und zu arbeiten. Dies geschah gemeinsam mit Dr. Ivan Protulipac (von der jugoslawischen Geheimpolizei im Jahre 1946 in Triest ermordet) durch die Kreuzer-Bewegung, die beide organisiert hatten. Diese Organisation hieß zu Beginn “Orlovi” ("Die Adler")  und Merz hat sich mit Körper und Seele dafür eingesetzt, daß die Adler und Adlerinnen, d.h. die Jungen und Mädchen, im katholischen liturgischen Geiste gemeinsam erzogen werden. Dies haben Merz und Protulipac in guter  heiliger Gesellschaft mit Marica Stankoviæ, geschafft. Dabei war der Freund von Ivan Merz, D. Kniewald, Fachmann für alte Handschriften, in Kroatien und Ungarn tätig. Als Student am “Germanicum” in Rom hatte er die Tätigkeit der Liturgiker in Deutschland, besonders die Ausgabe der liturgischen Texte von Schott, kennengelernt. Noch während  seiner Professur in Celje (Slowenien) veröffentlichte  er mit Hilfe des Jesuiten Milan Paveliæ (gest. 1939) Übersetzungen des Missales  und später des Breviers, die wir heute haben.  Kniewald hat also die erste Übersetzung des Missale Romanum gemacht: zuerst die größere Ausgabe  und danach ein kleines Handbuch, das unter den “Kreutzern” sehr verbreitet wurde. P. Jure Radiæ (gest. 1990) stammt aus Baška Voda (Dalmatien). Wie er erzählte, hatte er das Glück, daß unter seinen Professoren P. Bajiæ war, der auf ihn besonders durch die theologische Lehre über den mystischen Leib Christi wirkte.  Wir können nämlich die Liturgie nur dann verstehen, wenn wir berücksichtigen, daß die Kirche “Mystici corporis Christi” ist und daß die Liturgie das innere Leben des mystischen Leibes Christi ist. Darüber begeisterte sich Radiæ, wie er im Sammelband “LOGOS KAI MYSTERION” schrieb, und übertrug diese Begeisterung auf seine Kollegen in Makarska. Deswegen wollte er als begeisterter Liturgiker  seine Dissertation bei Prof. Kniewald  machen und wählte das Thema “Liturgische Erneuerung in Kroatien”.

 

            - War Radiæ ein Schüler von Kniewald?

 

Kirigin: Nein! Er war kein Schüler von Kniewald! Kniewald war nur einer seiner Betreuer. Dabei gab es Schwierigkeiten, da Kniewald das was in Hvar in den dreißiger Jahren und später getan worden war, nicht schätzte. Und eben darüber wollte auch Radiæ schreiben. Kniewald war sogar gegen jegliche Erwähnung von Bischof Pušiæ und meiner Zeitschrift “Život s Crkvom” (Das Leben mit der Kirche). Er wollte, daß man nur über Zagreb redet. Deswegen hat Kniewald die Dissertation mit Mühe approbiert. Die Dissertation wurde 1966 in Makarska, Kroatien (Dalmatien), von den Franziskanern gedruckt, ist aber bis heute zu wenig verbreitet und trotz des großen historischen Wertes nicht ausreichend bekannt.

 

            - Aus den verschiedenen Schriften über Liturgie und Musik, die in der Zeitschrift "Služba Božja" (Gottesdienst) und "Sv. Cecilija" (Hl. Cäcilia) veröffentlicht wurden, sieht  man, daß unter den Liturgikern, die das kirchliche Volkslied nicht schätzten (z.B. Kniewald) und  den Kirchenmusikern, die es befürworteten (Vidakoviæ), ein scharfer Zwist bestand. Waren die Liturgiker vielleicht der Meinung, daß die alten Kirchenlieder aus dem "Paulinischen Kodex" und  der "Cithara octochorda" gewöhnlicher frommer Kitsch waren?

 

Pater Martin 23. 02. 1997, Æokovac, Foto: Emil Èiæ border=0 hspace=Kirigin: Es war ein großer Schritt, als die Bischofskonferenz 1955 den Interdiözesanen Ausschuß gründete. Vorsitzender war Kardinal Franjo Šeper und zum Vizepräsidenten wurde Dr. Dragutin Kniewald gewählt. Bei  der ersten Sitzung dieses Ausschusses kam es sofort zum Streit zwischen Kniewald und dem unvergeßlichen Kirchenmusiker Albe Vidakoviæ, der auch für das Gebiet der liturgischen Musik gewählt worden war. Grundsätzlich  befürwortete  Kniewald nur den traditionellen Choralgesang, und  obwohl auch Vidakoviæ für den gregorianischen Choral Begeisterung zeigte, pflegte er dazu aber auch unsere kroatische Kirchenmusik und  schätzte  besonders unsere berühmte Sammlung "Cithara octochorda". Schon damals kam  es zum Streit zwischen ihnen, der solche Ausnahme annahm, daß Kniewald nicht mehr an diesem Ausschuß teilnehmen wollte.  Die Kirchenbehörden  hatten damals den Wunsch, mich auch in diese Kommission einzuschließen, um zusammen mit Šeper tätig zu sein. Später wurde ich Mitarbeiter des unvergeßlichen Bischofs von Banja Luka, A. Pichler (1913-1992). In jenen schweren Zeiten taten wir das, was wir machen konnten: in den damaligen 50er Jahren gab die Kirche in Belgrad nur die Zeitschrift “Blagovijest” (Frohbotschaft) heraus. Zu jener Zeit haben wir mittels der jährlichen Tagungen in Zagreb, die inzwischen Tradition geworden sind, unsere liturgische Erneuerung  propagiert. Wir hatten damit Erfolg, da die Bischöfe gleich das Meßjahr ausgerufen haben. Deswegen vervielfältigten wir die täglichen Meditationen, die sich unter den Priestern sehr schnell  verbreiteten. Etwas anderes hatten wir nicht. Jemand sagte mir einmal, daß er im Zug einen Priester  unsere Meßbetrachtungen lesen sah, aus denen er sich auf die Messe vorbereitete. Auch das Missale wurde als Meditation für das ganze Jahr von P. Radiæ bearbeitet. Dies mußte ich ebenso wie den ersten Teil über die Hl. Messe  bearbeiten. Dadurch war es wieder möglich, noch eine Meditation für die Priester zu vervielfältigen. Diese Meditation der Hl. Schrift war nicht nur in Kroatien und Bosnien-Herzegowina verbreitet, sondern auch unter den Auslandskroaten. Wir haben auch die Trilogie Hl. Messe , Missale Romanum und Brevier Romanum herausgegeben. Diese Ausgaben und die überaus geschätzten Priesterversammlungen in Zagreb waren von hervorragender Bedeutung, besonders in dem Jahr, das der Taufe gewidmet war. In jenen schweren Zeiten arbeiteten wir soviel wie möglich.

 

- Wir sprachen von Bischof Alfred Pichler. Am Ende seines Lebens äußerte er sich sehr kritisch über die kroatische liturgische Erneuerung und über die Situation in der Kirchenmusik (siehe das Kapitel über die Zeitschrift Hl. Cäcilia). Wer war eigentlich Bischof Pichler  und welche Kriterien hatte er?

 

Kirigin: Zuerst muß ich folgendes erwähnen: als Dr. Šeper das Amt des Agramer Erzbischofs übernahm, sagte er, daß es ihm nicht möglich sei, als Vorsitzender des liturgischen Ausschusses tätig zu sein.  Es war dies zur Zeit der Bischofsweihe von Arneriæ, weshalb Šeper sagte: ”Nehmt Arneriæ! Er hat eine Vorliebe für Liturgie und sollte deswegen neuer Vorsitzender der liturgischen Kommission werden”. Šeper wußte aber ebenso, daß sich auch Pichler sehr für die Liturgie interessierte und so akzeptierte er meinen Vorschlag, Pichler zu nehmen. Deswegen wurde Bischof Pichler, eine hervorragende Person, Vorsitzender der liturgischen  Kommission. Ich bin der Meinung, das wir Kroaten überhaupt nicht wußten, wen wir hatten. Von sich selbst erzählte mir Pichler,  daß er eine tragische Persönlichkeit sei. Seine Eltern stammten aus Tirol, aber unter uns Kroaten fühlte er selbst sich als Kroate. Mindestens dreimal las er die kroatische Grammatik von Maretiæ. Sehr wichtig für uns ist seine Begeisterung für die deutsche liturgische Bewegung, der der berühmte Theologe Romano Guardini an der Spitze stand. Mit dieser Bewegung verband sich unsere liturgische Bewegung und Pichler in  Banja Luka verbreitete die Ideen dieser Bewegung, so weit es ihm möglich war, weiter. Darum hat er auch als Vorsitzender des Liturgischen Ausschusses sehr viel getan. Noch mehr tat er, als er in die Liturgische Kommission des II. Vatikanums gewählt wurde. Die Konzilsväter schätzten ihn so sehr, daß er von allen europäischen Bischöfen für die  Liturgische Kommission  gewählt wurde, und diese Kommission führte während dieses Konzils das große Wort. Pichler erntete auch dort Anerkennung, weswegen ihn die Väter der Liturgischen Kommission in den Rat für die Durchführung der Liturgischen Konstitution wählten, wo der Sekretär Bognini eine wichtige Rolle  spielte.  In diesem Rat zeigte sich seine große Liebe für die Liturgie und seine Sprachkenntnisse, was zur Folge hatte, daß Pichler nochmals zum Mitglied der Hl. Kongregation für die Liturgie gewählt wurde. Es war also vor allem A. Pichler, der uns als Fachmann für die Liturgiewissenschaft zusammen mit Kniewald, einem Kenner alter Handschriften, in der Welt vertrat.

 

            - Vertrat Pichler die sog. konservative Linie, die  eigentlich den Choralgesang durchzusetzen versuchte?

 

Kirigin:  Pichler zeichnete sich durch sein breites Verständnis aus. In seinem Bistum von Banja Luka hatte er ziemlich viele griechisch-katholischen Pfarren: nicht nur daß er den griechisch-katholischen Ritus kannte, sondern er feierte sogar persönlich  altslawische Messen in den dortigen Pfarren. Natürlich hielt er sich in erster Linie an die römische Liturgie und den römischen Choral. Und gerade auf diesem Gebiet war seine Begeisterung wirklich gründlich und groß. Daß Pichler so orientiert war, ist auch deswegen leicht einzusehen, da sein  Bruder, ein in Rom lebender Jesuit, am Ostinstitut den Katheder des liturgischen Gesangs leitete. Aus diesem Grunde ist leicht zu verstehen, warum sich Pichler so sehr für den Choralgesang  begeisterte. Keinesfalls war er gegen die traditionellen kirchlichen Volkschoräle, sondern nur gegen die wie immer gearteten Liedchen, die keine  inhaltliche Verbindung mit der Meßfeier hatten. Bischof Pichler war ein Gegner dessen, was ich einst in einer Agramer Pfarre erlebte: in der Pfarre (und genau so war es auch in den anderen) sang der Priester “Gloria in excelsis Deo”, und das  Volk erwiderte mit dem Volkslied “Lijepa si, lijepa, Djevo Marijo…” (Du bist schön, o schön, Jungfrau Maria…”),  was mit der Meßfeier und dem Meßtext keine Verbindung hatte und hat.  Ihm mußten  solchen Erscheinungen widrig sein, und er war deshalb wirklich ein scharfer Gegner all dessen, was nicht zur Liturgie paßte, genauso wie all diejenige, die die Liturgie richtig kennen. Als die Bischofskonferenz dem Verlagshaus “Kršæanska sadašnjost” (Christliche Gegenwart) die Ausgabe der liturgischen Bücher anvertraute, war Pichler dabei sehr behilflich.   

 

            - In der liturgischen Zeitschrift “Služba Božja” war D. Kniewald grundsätzlich gegen die Volkslieder in der “Cithara octochorda”, welche die  kroatischen Cäcilianer an der Jahrhundertwende sehr ausgiebig für die Liturgie ausgenützt haben.  Und nun gab es auf einmal das II. Vatikanum, das solche Lieder erlaubte. Wie reagierten  die Liturgiker vom Format eines Kniewald darauf?

 

Kirigin: Aus der Kirchengeschichte ist uns bekannt, daß bei den wahren Liturgikern eine Vorliebe und Ergebenheit zum Choral bestand. Natürlich gab es dabei verschiedene Meinungen, von denen manche den Choral befürworteten. [6] (6) Leider herrscht bei zahlreichen Menschen die Meinung vor, daß der Choral ein Todesgesang  ist, und darum wurde er verdrängt. Obwohl ich kein Musikfachmann bin, vertrete ich eine mittlere Linie: ich akzeptiere das Kirchenlied und  den  gregorianischen Choral.  Ich möchte das beibehalten, was in der Liturgie traditionell gregorianisch gesungen wird, unterstütze aber auch die Richtlinien des II. Vatikanums, nach denen es möglich ist, Volkschoräle zu singen. Alle Menschen sind sich sogar dessen nicht bewußt, aber das II Vatikanische Konzil  hat die größte Erneuerung der Liturgie in der ganzen zweitausendjährigen Kirchengeschichte herbeigeführt.  Gegen stärksten Widerstand öffnete das Konzil der lebenden Sprache in der Liturgie Tür und Tor. Auf diese Weise empfahl das Konzil  auch den Choralgesang, jedoch mit großen Einschränkungen. In der ganzen Welt, also auch bei uns Kroaten, gab es Streit wegen der Kirchenmusik, heute aber herrscht die Meinung vor, daß es nötig wäre, die Choralmelodien, die in unserem Küstenland erhalten geblieben sind, wieder zu pflegen. Darüber schrieb speziell der Ethno-Musikwissenschaftler Dr. Jerko Beziæ: der Volkschoral (glagolitische Choral) stirbt immer mehr aus,  und wir müssen ihn erneuern und bewahren, weil diesen Gesang nur mehr alte Menschen (Sänger) pflegen, während den Jungen das Negerchanson imponiert, weswegen unser Erbe ausgerottet zu werden droht. Es ist nötig, daß unsere älteren Sänger das eigene Wissen an die Jungen weitergeben. Das, was die kroatischen Sänger zu singen  pflegen, ist ein echt römischer Choral, der an unsere Tonleiter und unser Temperament angepaßt wurde. Es wäre nötig, auch liturgische Bücher mit den Volkschorälen zu vervielfältigen. Leider mangelt es sehr an solchen Büchern. Es kargt bei uns an Kommunions- und Gabenliedern: für die Kommunion gibt es noch Lieder, aber nach der Kommunion darf man nicht nur das Magnifikat (vor allem die Marianischen Lieder) singen. Und auch alles andere muß im liturgischen Geiste sein. Laut der Missaleregel muß man nach der Kommunion schweigen, und nach dem Schweigen darf man ein Lied singen, das die Eucharistie lobt. Wie gesagt, diese Lieder haben wir noch, aber es mangelt an Gabenliedern. Es bedarf der Forschung nach unseren alten Schriften und unseren Chorälen. Und damit beschäftigen sich nur wenige Menschen. Soweit ich weiß, nur Dr. Beziæ, Sie und manch andere Menschen. Der Zustand unseres Erbes ist mehr oder weniger äußerst bedauernswert.

 

- Während des Streits zwischen den Anhängern der Choralmusik und jenen der Volkslieder, nahm die dritte musikalisch völlig unausgebildete Linie überhand:  junge Priester führten die U-Musik in die Kirche ein. Haben Sie eine Vorstellung darüber, wie man dieser Schande  Einhalt gebieten kann, um wieder Ordnung in der Kirche zu schaffen?

 

Kirigin: Ich würde nie jemandem zugestehen, daß er den Choral mehr liebt, als ich es tue, jedoch bin ich auf musikalischem Gebiet nur ein Laie. Ich wiederhole: wir müssen den Mittelweg wählen und Choral und Lied zusammen einschließen. Jedenfalls  muß der Choralgesang weiterhin das Fundament der Meßfeier bilden. Ich muß Ihnen sagen, daß sich unsere alten Sänger aus dem Küstenland für den Choralgesang so sehr begeisterten, besonders in bezug auf die großen Feiern (wie z.B. die Karwoche) , daß nach dem I. Weltkrieg, als Franziskanerpater Petar Vlašiæ sein Liturgiebuch “Bogoslužbenik” (Gottesdiener) veröffentlichte, kroatische Auswanderer dieses Buch mit sich nach Amerika trugen. Diese Sammlung von Hymnen, Psalmen und Lesungen bestellten sogar die Kroaten aus Amerika (!), um alles so singen zu können, wie sie es in ihrer geliebten Heimat gesungen haben.



Pater Martin i Emil Èiæ 23. 02. 1997, Æokovac, Foto: Emil Èiæ

 



2.1.Kirigin

 

Anmerkungen

 

[1] Nagy, Božidar: Hrvatsko Križarstvo (Kroatische Kreuzerbewegung), hrsg. von. Križarska organizacija, Postulatura za beatifikaciju Ivana Merza, Zagreb 1995, S. 253-255

 

[2] Harnoncourt, Philippe: Katholische Kirchenmusik vom Cäcilianismus bis zur Gegenwart, in: Traditionen und Reformen in der Kirchenmusik, Kassel 1974, S. 90-94

                "Das Motu proprio  von 1903, dem Pius X. kraft  seiner apostolischen Vollmacht Gesetzeskraft für die ganze Römische Kirche verlieh(48), stellt die Grundlage des allgemeinen  kirchenmusikalischen   Rechts der katholischen Kirche dar. In seiner Zielsetzung  entspricht es weithin  genau den Cäcilianischen Restaurationstendenzen."

 

[3]   Nagy, B.: Hrvatsko Križarstvo, S. 22

 

[4]  Vgl.:

Eminghaus, Johannes H.: Die Messe, Klosterneuburg 5/1992, S. 147

"Im Lehrschreiben Pius' X. "Tra le sollecitudini" (1903) fiel zum ersten Mal das erlösende Wort von der tätigen Teilnahme (participatio actuosa) der Gläubigen. Dieses Wort griff der geniale Benediktiner Lambert Baudouin (1873-1960) im Jahre 1909 auf dem Katholikentag in Mecheln (...) auf mit seiner Forderung: Das Volk müsse Anteil haben an der Liturgie (...) so daß man heute mit gutem Grund das Jahr 1909 als den eigentlichen Beginn der pastoralen Phase der Liturgischen Bewegung des 20 Jhdts. wird bezeichnen können ..."

 

 

[5] Merz, Ivan: Vlast Crkve (Die Behörde in der Kirche), in: Put k Suncu, (Der Weg zur Sonne) Hrsg. P. Božidar Nagy, Zagreb 1978, S. 99-103

Merz schrieb über die päpstliche Hauptrolle in der Katholischen Kirche nach der Konstitution "Pastor aeternus" von 1870 (1. Vatikanum). Laut diesem Dokument werden die christlichen Prinzipien durch die Durchführung der Enzykliken vollzogen.

 

[6] Diese  Bemerkung  bezieht sich auf die Beziehungen zwischen Vidakoviæ  und Kniewald sowie auf das 2. Vatikanum  wo es wegen des Chorals und der Volkslieder zu Auseinandersetzungen  kam.  P. Kirigin wollte sagen: "Natürlich, gab es dabei unter den Priestern verschiedene  Meinungen ..."

 

Veröffentlicht in Zagreb, "Matica" 1997/12

 





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